« Mollendo und der Strand einmal anders!!!! | Estoy infermo! Ich bin krank! » |
Der Slum und das Wasser!!!
Buenas tardes
Wer meinen Artikel "Die Armut und das Glück" gelesen hat, der hat ja schon einen ersten Überblick über die Armut und die Zustände der Slums in denen die Kinder wohnen.
Heute Morgen kam ein aufgeregter Franco in das Hogar, hat sich schnell geduscht und mir mitgeteilt, dass er unbedingt wieder nach Hause muss, da der sinnflutartige Regen der letzten Tage, Teile seines Zuhause zerstört hat und er zu Hause helfen muss. Da ich weiß dass er einer, der ärmsten Jugendlichen hier im Hogar ist, konnte das nichts Gutes bedeuten.
Schon des Längeren wollte Rosa mich zu seinem Haus mitnehmen und mir die Umstände zeigen unter denen der 17jährige lebt. Franco ist ein Jugendlicher zu dem ich einen besonders guten Draht habe, manchmal kommt er mich sonntags besuchen und wir machen zusammen Yoga.
Franco hat wie die meisten Kinder hier, keinen Vater. Er lebt zusammen mit einer alkoholkranken Großmutter, seiner Schwester, seiner schwer depressiven Mutter und noch ein paar weiteren Kleinkindern die ich nicht zuordnen konnte. Seine Mutter so wie seine Großmutter sind so gut wie arbeitsunfähig und so arbeitet der 17jährige jeden Tag auf einem Markt und schleppt dort schwere Säcke von Verkaufsstand zu Verkaufsstand. Meistens schläft er nur 5 Stunden, durch den Regen und die Feuchtigkeit auch mal weniger. Zu arbeiten beginnt er normalerweise um 3 Uhr morgens.
Nachdem wir uns zusammen mal wieder in eines der Colectivos gequetscht hatten, ging die Fahrt auch schon los. In einem Bus der Größe eines VW-Busses (auf einem der Bilder zu sehen) wurden schätzungsweise 60 Menschen gequetscht. Über holprige Wege ging es dann mal wieder gut eine Stunde hinauf in die Viertel der Armen. Da ich Mütter mit Babys den Vorrang beim sitzen gewährt habe, stand ich als Rießengringo mit schrägen Hals im Bus und jedes Schlagloch musste von meinem Kopf am Dach des Busses abgefedert werden. Nachdem ich der engen, fahrenden Sauna dann endlich entkommen konnte, waren wir angelangt in einem der größten Slums Arequipa.
Der Regen der letzten Tage hat schwere Schäden hinterlassen. Weggespülte Häuser, Straßen und große Erdrutsche, prägten das Bild einer heruntergekommenen Ortschaft mit provisorisch, errichteten Häusern die teilweise nur aus Fetzen bestehen. Und wieder sind es die Ärmsten, die unter der Gewalt der Natur am meisten zu leiden haben. Der starke Regen der letzten Tage, wurde mir erklärt, hat etwas mit den Phänomen La Niña (nicht El Niño) zu tun und war bzw. ist unnatürlich heftig.
Die Höhe in der die Menschen leben, wird sofort bemerkt und so sehe ich, schmutzige Kinder die Barfuß bei 10 Grad mit verfilzten Hunden im Dreck spielen und passiv in die Leere starrende Großeltern, die schon lange nicht mehr arbeiten können, aber trotzdem jeden Tag auf die Straßen gehen um ihr eigenes ärmliches Leben und das ihrer Kinder zu sichern.
Nachdem wir auf einem schlammigen "Weg" entlang klettern um das Haus von Franco erreichen, stelle ich mir vor, wie es für mich wäre, wenn ich hier leben müsste. Ein Leben unter diesen Umständen kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Die Zerstörung des Wassers und die bittere Armut der Menschen, sind hier besonders erschreckend und es fällt schwer der Sache, offen zu begegnen.
Aber nun gut, ihr kennt mich, ich bin ein humorvoller, offener Mensch und die Gespräche mit Rosa tun mir sehr gut. Ihre Kenntnis über die Armut und die Situation der Menschen hier, ist mir immer wieder ein Geschenk. So erfahre ich viele Dinge über das Leben hier im Slum und durch ihre humorvolle Art, sind wir auch schon bald heftig am kichern, während wir über Hundekacke, Löcher und weggeschwemmte Straßen klettern.
Als wir endlich den Dreckberg bestiegen haben, auf dessen Gipfel die "Residenz" Francos trohnt, werden wir auch schon alsbald von riesigen, kläffenden Hunden und schmutzigen Kindern begrüßt. Ein altes, wettergegerbtes Fräulein mit einem Zahnlosen Mund voll Coca blättern begrüßt und lachend und sichtlich betrunken an einer schäbigen Tür. Die Hemmungen sind schnell überwunden und Berührungsängste darf man bei einem Besuch in einem Slum sowieso nicht haben. So werde ich bald von schmutzigen Händen und Gesichtern geherzt und betrete das stinkende Domizil. Die Situation ist niederschmetternd und mir fehlen im ersten Moment die Worte. Hier leben 7 Menschen im Dreck, in "Behausungen" mit schlammigem Boden und schlafen zusammen auf nassen, schmutzigen Betten. Ermunternd sind nur die zahlreichen, Babyhunde die um mich herumspringen und eine unglaublich betrunken Großmutter. Aber wer will ihr das schon verübeln, würde ich unter diesen Umständen leben, würde ich glaube ich auch trinken, oder GANZ GANZ viel Gras rauchen , um die Situation nur einigermaßen erträglich zu finden.
Die Kälte scheint die leicht bekleideten Kinder nicht zu stören und ich sehe sie im kalten, Dreckwasser in kaputten Autoreifen und verbeulten Wannen spielen. Freizeit für Kinder in einem Slum sieht anders aus, als gepflegte Spielplätze in Deutschland.
Franco ist nicht zu Hause, er besorgt Dinge um das Dach dicht zu bekommen und am Horizont ziehen schon wieder, schwarze Wolken auf. Es ist unfassbar was der 17jährige hier leisten muss. Er ist es, der das "Haus" repariert, Geld verdient und sich um die kleinen Kinder kümmert. Die Oma ist zu oft, zu betrunken, die Mutter ist so schwer Depressiv, das sie kaum spricht. Willkommen in der Realität eines anderen Kontinents, willkommen in einem Slum in Peru.
Nachdem die Omi etwas mit uns durch den Dreck getanzt hat, verabschieden wir uns und klettern den Berg aus Müll und Morast hinab um wieder ein Colectivo zu finden, das uns in die "saubere" Stadt bringt. Weg von der Armut, weg von der Kälte und dem Schmutz.
Die Situation, welche ich hier erleben durfte, ist glaub ich die Spitze, an Armut die ich bisher hier erleben durfte. Eine bittere Armut die zum Verzweifeln einlädt.
Trotzdem ich bin wieder glücklich, liebe es mit den Einheimischen zusammen in einen Minibus gestopft zu werden. Liebe es Spanisch zu plaudern und mich für Dinge zu öffnen und sie zu sehen, die für andere Europäer verwehrt bleiben.
Ich hoffe es geht euch gut
Liebste Grüße aus dem Siff
Jens










